Die Geschichte der Evolutionstheorie ist eine Geschichte voller Missverständnisse (kennt eigentlich noch jemand diesen Werbespot?). Obwohl die Theorie fast auf den Tag genau 154 Jahre alt ist, wird sie immer noch gern falsch verstanden - und das sowohl von ihren Gegnern als auch von ihren Unterstützern.
Ein einfaches Beispiel: Der Mensch stammt nicht vom Affen ab. Die gern dargestellte Abfolge vom Schimpansen über den Neandertaler zum heutigen Menschen basiert auf einem falschen Verständnis unserer Vorgeschichte. In Wirklichkeit haben sich die Schimpansen genau so lange entwickelt wie wir - sie sind nicht unsere Vorfahren, sondern sie und wir stammen vom gleichen Vorfahren ab. Streng genommen sind sie unsere weit entfernten Cousins - und das gilt auch für Kühe, Erbsen, Schleimpilze und Grippeviren (und für Neandertaler übrigens ebenso). Zu sagen, der Mensch stammt vom Affen ab, macht ebenso viel Sinn wie zu sagen, ich stamme von Daniel Küblböck ab (kennt eigentlich den noch jemand?).
Wenn ihr den vorhergehenden Absatz gelesen habt, dann wisst ihr schon mehr als Millionen von Evolutionsgegnern, die sich über das Fehlen von Mischwesen und 'Missing Links' beschweren - ein definitives Verbindungsstück zwischen Menschen und Affen wird nie gefunden werden, ebensowenig wie es eine fossile Mischform zwischen mir und Daniel Küblböck gibt. Stattdessen gibt es mehrere Stufen von gemeinsamen Vorfahren, die meist Eigenschaften von Menschen und Affen gleichzeitig aufweisen (also doch wieder ein bisschen wie Daniel Küblböck). Es ist eher ein wenig wie bei der Entwicklung von Sprachen oder Schriften: man fängt bei einem Grundalphabet an, und plötzlich kommt einer mit Umlauten um die Ecke und ein anderer mit Accents und irgendwann verstehen sich die Leute gegenseitig nicht mehr. Oder so ähnlich.
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Wie auch immer, eigentlich wollte ich auf ein anderes Missverständnis der Theorie hinaus: das Überleben des Stärkeren. Stell dir dazu bitte kurz folgendes vor: Du, ich und Thomas Gottschalk haben irgendein großes Problem miteinander (kennt eigentlich jemand noch Thomas Gottschalk?). Wir haben beschlossen, es mit einem Duell zu lösen. Nur, da wir nicht zu zweit, sondern zu dritt sind, nennt es sich in dem Fall ein Triell. Wir stellen uns im Kreis auf und schießen einer nach dem anderen. Auf wen man schießt, kann man sich dabei frei aussuchen.
Das Problem ist, dass wir nicht alle gleich gute Schützen sind. Egal, auf wen du schießt, du hast eine Trefferwahrscheinlichkeit von einem Drittel. Das bedeutet, statistisch gehen zwei von drei Schüssen ins Leere und nur der andere tötet sein Ziel. Thomas Gottschalk hat vorher ein bisschen geübt und trifft mit einer Wahrscheinlichkeit von zwei Dritteln. Bei mir ist das anders: jeder Schuss von mir ist tödlich (warum? Weil ich die Geschichte erzähle, so einfach ist das). Stell dir vor, du bist als erster dran: Auf wen würdest du schießen? Und was denkst du, wer die höchsten Überlebenschancen hat?
Über den Verlauf der Wahrscheinlichkeiten in einem Triell kann man eine wissenschaftliche Abhandlung schreiben. Forscher aus Palma de Mallorca haben das auch gemacht (Nein, der vorhergehende Satz ist kein Witz). Und wenn man das macht, stößt man auf einige verrückte Ergebnisse: Zum einen ist es für dich am besten, in die Luft zu schießen. Ganz ehrlich. Überleg mal: Schaltest du mit deinem Schuss mich oder Thomas Gottschalk aus, dann wird der Überlebende auf dich losgehen. Lässt du uns hingegen in Ruhe, gehen Gottschalk und ich mit Sicherheit aufeinander los, da du die geringste Gefahr bist.
Also das war Überraschung Nummer 1. Nummer 2 ist: Du, der schlechteste Schütze, hast bei dieser Strategie die höchste Überlebenschance*.
Aber was hat das mit Evolution zu tun? Tatsächlich werden Modelle wie das Triell gerne verwendet, um Vorgänge der Evolution zu erklären, zum Beispiel das Verhalten zwischen Raub- und Beutetieren, oder Symbiose zwischen verschiedenen Spezies. Aber wenn bei einem Triell der Stärkere im Nachteil ist, was bedeutet das dann für das Überleben des Stärkeren? Dass das alles nicht so einfach ist. Es gibt einen Haufen großartige Bücher über die Evolutionstheorie, aber man erkennt schnell, dass es ein komplexes Zusammenspiel aus Genen, Spezies und Ökosystemen ist. Das einfache Konzept des Überlebens des Stärkeren ist daher ein Mythos, genauso wie der Missing Link zwischen Menschen und Affen.
Das macht natürlich alles wieder ein wenig kompliziert. Das Schöne daran ist aber, dass man dadurch auch verschiedene Beweisführungen sammeln kann: Gene, Körperbau, Verteilung von Wesen über die Kontinente, soziale Verhaltensweisen und Stoffwechselsysteme werden alle durch evolutionäre Prozesse beeinflusst. Selbst wenn wir noch nie ein Fossil gefunden hätten, hätten wir haufenweise Hinweise darauf, wie und warum sich Organismen über die Zeit entwickeln. Aber dazu später vielleicht mehr. Jetzt muss ich erst irgendwie vor Thomas Gottschalk davonlaufen.
*Zugegebenermaßen gibt es verschiedene Varianten des Triells (andere Wahrscheinlichkeitsverteilungen, die Frage wer anfängt, die Frage, ob man seine Strategie zwischendrin ändern darf, usw.) und für manche ist das zutreffend und für andere nicht.
Ich kenne alles noch! :)
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LöschenHattest du auch das mit dem Triell schon gehoert, oder habe ich dir da was Neues erzaehlt?
Die besten Gruesse!!