Montag, 20. Januar 2014

Die wichtigste Frage aller Zeiten oder nur Bla Bla Bla?

Eben sehe ich einen Facebook-Post mit dem Inhalt:
"Ignoramus – et ignorabimus! Keine Sorge - der Vortrag von Norbert Bischof ist in deutsch auf unserer Plattform zu finden. Darin "seziert" er Aussagen der modernen Hirnforschung und geht diesen kritisch (!) auf den Grund. Dabei entlarvt er nicht nur Etikettenschwindel. http://dasgehirn.info/denken/bewusstsein/norbert-bischof-9513/"
(gepostet von dasgehirn.info)

Das interessiert mich als Hirnforscher natürlich - ich will ja kein Etikettenschwindler sein! Und wenn ich das schon bin, will ich zumindest nicht über Facebook entlarvt werden! Daher wird gleich das Video angeschaut.

Ein klein wenig enttäuschend ist es aber schon: Um die moderne Hirnforschung geht es aus meiner Sicht weniger, eher um die Geschichte philosophischer Konzepte des Bewusstseins. Aber das ist ja schließlich auch eine der wichtigsten Fragen ever: Wie entsteht Geist aus Materie? Wie kann dieser Klumpen Materie, den wir Gehirn nennen, alle unsere Träume, Hoffnungen und Erlebnisse erzeugen?

Am Ende läuft der Vortrag auf ein Argument heraus, das man häufig hört, und das sich mit etwas bösem Willen folgendermaßen zusammenfassen lässt:

"Ich weiß nicht, was Bewusstsein ist. Ich weiß auch nicht, wie Quantenprozesse funktionieren. Folglich muss beides zusammenhängen."

(weiter nach dem Klick)


Wenn euch das bekannt vorkommt, dann liegt das daran, dass ein Teil der modernen New Age Szene dasselbe Argument benutzt, und deswegen die (zweifelsohne spannenden und mysteriösen) Quanteneffekte der modernen Physik im Grunde für alles herhalten müssen, was nicht jedem auf Anhieb eingängig ist. Das Konzept der Quantenmedizin zum Beispiel ist... wie soll ich es ausdrücken, ohne beleidigend zu werden... nur schwerlich mit einer wirklichkeitsbasierten Weltsicht vereinbar.

Aber noch mal zurück zur Frage, wie man sich die Entstehung des Bewusstseins erklären kann. Vorträge wie dieser hier gehen meist von einer ähnlichen Grundlage aus: Unser Gehirn besteht aus Milliarden von einzelnen Nervenzellen. Jede einzelne Zelle kann elektrische Signale von anderen empfangen und an andere verschicken. Abgesehen davon gibt es manche, die mit unseren Augen, Ohren, Muskeln und so weiter verbunden sind und auf diese Art unseren Draht zur Außenwelt bilden. Und irgendwie, auf mysteriöse Art, kommt bei dem Zusammenspiel dieser elektrischen Signale ein Bewusstsein zustande.

Diese Denkweise ist zunächst mal sicherlich nicht falsch. Aber vielleicht ist sie ein wenig zu simpel, um die großen Fragen des Universums zu lösen*. Was ich damit meine: Es stimmt, dass jeder von uns so um die 80 bis 100 Milliarden Nervenzellen im Gehirn hat (die genaue Zahl steht noch nicht fest - aber die Leute sind schwer am Zählen dran). Aber Nervenzelle ist nicht gleich Nervenzelle. Sie unterscheiden sich voneinander wie sonst keine Zellen in unserem Körper. Je nachdem, wie man es kategorisieren will, kann man von Hunderten verschiedenen Arten sprechen. Manche davon reagieren vorrangig auf den einen oder anderen Botenstoff, oder transportieren Signale eher zum Gehirn oder davon weg. Manche sind nur da, um zwischen anderen Zellen zu vermitteln (die sogenannten Interneurone). Und jede einzelne Zelle ist komplex wie eine ganze Stadt, mit unterschiedlichen Teilen, die unterschiedlich stabil sein können. Eine Zelle kann ihr Feuerverhalten ändern, oder sie baut neue Verbindungen zu anderen auf oder bricht sie ab. Ganze Zellen können sterben, oder auch neu entstehen. Und all diese Veränderungen können durch Botenstoffe ausgelöst werden, oder durch Signale von anderen Zellen, oder von beidem. Oder auch von Genen. Oder von nichts davon.

Seid ihr noch bei mir? Schon über das bislang genannte könnte man mehrere Bücher schreiben (was natürlich auch getan wurde), aber es kommt noch dazu, dass das Gehirn nicht nur aus Nervenzellen besteht. Eigentlich sogar nur etwa zur Hälfte. Von den anderen Zellen (den Gliazellen) gibt es auch wieder verschiedene Arten mit ihren eigenen Änderungsprozessen, die ebenfalls unser Denken beeinflussen.

Nehmen wir mal an, wir finden ein Genie, das sich durch schränkeweise Bücher gelesen hat und jetzt alle diese Veränderungen und Zusammenhänge begreift. Könnte dieses Genie uns helfen, das Bewusstsein zu verstehen? Leider wäre das immer noch zu einfach. Alle diese Zellen sind unterschiedlich im Gehirn verteilt - manche klumpen zu eng verflochtenen Strukturen zusammen, andere suchen lange Verbindungen zu anderen Bereichen. Und es ist das Zusammenspiel dieser verschiedenen Zellverbände, die wir komplett verstehen müssen, um das Thema ordentlich zu diskutieren.

Und damit sind wir beim eigentlichen Problem der modernen Hirnforschung: Auch mit unseren großartigen Maschinen und Modellen können wir meistens nur Schlaglichter dieser Komplexität erfassen. Vielleicht elektrische Aktivität. Vielleicht Blutfluss oder Sauerstoffverbrauch. Oder Stoffwechselprodukte oder strukturelle Veränderungen. All das können wir im kranken oder gesunden Gehirn untersuchen, in Ruhe oder in Aktion. Und das im Grunde für jede der 100 Milliarden Zellen - und habe ich erwähnt, dass jede von denen im Schnitt 1000 Verbindungen zu anderen Zellen hat? Selbst wenn wir die gesamte Weltbevölkerung als Neurowissenschaftler rekrutieren würden, wäre das eine längere Angelegenheit. Vielleicht wären wir vor dem Bau des Berliner Flughafens fertig, aber wahrscheinlich nur knapp.

Und damit schließt sich der Kreis zu dem Vortrag: wie entsteht Bewusstsein aus Materie? Ich weiß es nicht, und der Vortragende weiß es auch nicht. Aber ich weiß eins: Das Gehirn ist das komplexeste Objekt, das wir im Universum gefunden haben, und es verändert sich grundlegend von einer Sekunde auf die nächste. Solange wir es als ein einzelnes Objekt ansehen, solange wir seine Komplexität nicht anerkennen, ist ein solcher Vortrag reine Zeitverschwendung.

Für die längste Zeit haben wir über das Weltall gerätselt, ohne Raumschiffe, Satelliten oder sogar Teleskope zu haben. Wenn wir jetzt eine konkrete philosophische Frage haben, zum Beispiel ob es Leben im Weltall gibt, dann wäre es müßig, auf alle diese neuen Methoden und Erkenntnisse zu verzichten. Genau das passiert aber, wenn wir uns auf rein philosophischer Ebene über Gehirn und Bewusstsein unterhalten, ohne die Existenz von Zellen, Zellverbänden und Botenstoffen wahrzunehmen. Mit einem kritischen Blick auf die moderne Hirnforschung hat das leider wenig zu tun. Aber hey, irgendwie werden es halt die Quanten gewesen sein.

Einen Teil des Vortrags habe ich damit jetzt auch ignoriert, nämlich den der Wahrnehmung. Auch hier ist alles nicht so einfach, wie vom Vortragenden dargestellt. Aber darauf will ich mal später genauer eingehen. Nur kurz: Die Wahrnehmung eines Schmetterlings, wie im Vortrag gezeigt, hängt nicht nur vom Schmetterling selbst ab. Das mentale Bild ist auch abhängig von Erwartungen, Gedächtnisinhalten, Motivationen und Interpretationen. Es stimmt auch nicht so simpel, dass die Wahrnehmung eines eigenen Körperteils nach Amputation erhalten bleibt; stattdessen ist es ein Zusammenspiel aus Nervenimpulsen, Änderungen im Gehirn und mentalen Karten, die zahlreich und mehr oder minder wandelbar sind. Auch da hilft uns der eindimensionale philosophische Ansatz überhaupt nicht weiter.

Im Übrigen stellt sich beim Anschauen des Vortrags heraus, dass sich der vermeintliche Etikettenschwindel darauf bezieht, dass die Informationstheorie nicht das bedeutet, was der Vortragende sich davon versprochen hat -- irgendwie hat er sie mit der Theorie komplexer Systeme verwechselt, wo sich die Antworten auf seine Fragen finden lassen würden. Das heißt, zumindest für den Moment muß ich mich nicht als Etikettenschwindler titulieren lassen - yes!

*Die Tatsache, dass alles unglaublich kompliziert klingt, liegt nicht daran, dass es eine komplexe Sicht ist, sondern an einer unnötig komplizierten Ausdrucksweise.

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