Freitag, 26. Juli 2013

Eine Welt voller Drachen: Die Kunst der Wissenschaft in „Rapunzel – Neu verföhnt“ und „Drachenzähmen leicht gemacht“


Vor einiger Zeit habe ich einen Artikel für die populäre Website Overthinkingit.com geschrieben. Dort beschäftigen sich leidenschaftliche und kreative Denker (na gut – es sind alles Nerds) damit, die „Popkultur einer genaueren Untersuchung auszusetzen, als sie es wahrscheinlich verdient hat“. Großartige Beispiele für den Stil der Website sind die Aufdeckung von physikalischen Widersprüchen im Songtext von Lena Meyer-Landruts Satellite oder dieser fantastische Artikel darüber, warum die Bewohner des Planeten Pandora bei Avatar auf Steinzeit-Niveau leben. Ebenfalls sehr zum empfehlen ist dieses Video eines OTI-Autors.

Mein eigener Artikel beschäftigt sich damit, wie naturwissenschaftliches Vorgehen in animierten Filmen dargestellt wird und war bislang nur auf Englisch veröffentlicht - daher hier die deutsche Übersetzung. Bitte beachtet, dass es hier und da Spoiler gibt. Und so sieht der Text aus:



Man könnte argumentieren, dass 2010 das Jahr war, in dem familienorientierte, computeranimierte Kinofilme erstmals die Qualität von Realfilmen eingeholt haben. Wenn man die Entwicklung von Technik und Stil der Animiationsfilme in den letzten Jahrzehnten bedenkt, ist das derzeitige Niveau nahezu unglaublich. Dabei zeigen sie ein hohes Maß an graphischem Realismus: Obwohl die Menschen nach wie vor aussehen (und sich verhalten) wie Cartoon-Figuren, kann man ihre Kleidung, ihre Haare, die Gegenstände, mit denen sie hantieren und ihre Umgebung inzwischen kaum noch von echten Aufnahmen unterscheiden. Die Erschaffung solcher Welten setzt einiges an wissenschaftlichen Kenntnissen voraus: Wie sich das Licht verändert, wenn es durch gefärbtes Glas scheint, wie bestimmte Stoffe auf einen festen Griff reagieren, wie sich eine Staubwolke oder ein Lagerfeuer am hellen Tag oder während eines Schauers verhalten, die Flugbahn eines Pfeils oder die Art, wie er zersplittert, wenn er auf einen Stein trifft. Es erscheint passend, dass die modernen Animationsfilme Anspielungen auf die Wissenschaft einbauen, die sie erst ermöglicht hat.
Aber anstatt das nur nebenbei zu tun, schicken zwei der bekanntesten animierten Filme im Jahr 2010, nämlich Drachenzähmen leicht gemacht (DLG, Dreamworks) und Rapunzel – Neu verföhnt (Disney), ihre Hauptfiguren auf eine Entdeckungsreise zu den grundlegenden Prinzipien der wissenschaftlichen Methode – und genau wie die antiken Griechen zuvor benutzen sie diese, um aus ihrer primitiven Umgebung auszubrechen und die Gesellschaft, in der sie sich befinden, radikal umzuwandeln.
Der Begriff „Wissenschaft“ bezieht sich üblicherweise auf eine ganz bestimmte Ansammlung von Methoden, die uns die Untersuchung und das Verständnis der natürlich Welt erlauben. Man kann sich über den genauen Ursprung der modernen wissenschaftlichen Methode streiten, aber es ist sehr wahrscheinlich, dass alles mit jemandem begann, der in den Nachthimmel schaute und sich fragte, was ihm dessen immer wiederkehrende Muster wohl mitteilen wollen. Die alten Griechen erkannten, dass sich alle Sterne relativ zueinander in dieselbe Richtung bewegen, während sich bestimmte andere Objekte kreuz und quer übers Firmament bewegten. Sie nannten sie Planeten (vom griechischen Wort für Wanderer) und studierten ihre Bewegungen mit den Mitteln, die ihnen die damalige Technologie bieten konnte.
Später erlaubte die Erfindung des Teleskops die ihre genauere Untersuchung und läutete eine neue Ära der Menschheit ein. Isaac Newton erkannte, dass die Bewegungen der Planeten demselben Regelwerk folgen wie ein Objekt, das hier auf der Erde geworfen wird – und damit postulierte er ein universell gültiges Gravitationsgesetz. Diese Kombination aus einer Beobachtung natürlicher Muster, ihre Beschreibung als Modelle und die Ableitung neuer Hypothesen aus diesen (und aus diesen Schritten besteht die wissenschaftliche Methode) war so mächtig, dass Newton später vorgeworfen wurde, er hätte die Schönheit des Regenbogens zerstört, indem er seine Entstehung erklärt hat. Die Menschheit war nun dazu inspiriert, die Mysterien der Natur frontal anzugehen, anstatt tatenlos ihr Schicksal zu akzeptieren.
Bevor es die Wissenschaft gab, haben die Menschen verzweifelt versucht, einen Sinn in den ganzen guten und schlechten Ereignissen zu finden, mit denen sie die Natur bombardierte: wechselnde Jahreszeiten, Erdbeben, Musik, Liebe. In ihrer Verzweiflung erklärten sie sich vieles mit Dämonen, Geistern oder Feen. Unerforschte Gebiete waren durchweg furchterregend und gefährlich und der Satz „Hic sunt dracones“ („Hier sind Drachen“) wurde benutzt, um das Unbekannte und Mysteriöse auf den Landkarten zu markieren. Denn schließlich, nach allem was die Leute damals wussten, hätte schon hinter dem nächsten Hügel ein Ort liegen können, an dem die Bewohner unter ständigen Attacken von fliegenden, feuerspeienden Reptilien zu leiden haben.



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Einer der beiden wird eine Karriere als Wissenschaftler verfolgen. Ratet mal, welcher.

Hicks, der Hauptcharakter aus DLG, lebt in dem kleinen Ort Berk, dessen Bewohner tatsächlich unter ständigen Attacken von fliegenden, feuerspeienden Reptilien zu leiden haben. Der dortige Wikingerstamm ist ständig am Kämpfen und alle Einwohner müssen lernen, die Monster anzugreifen und zu besiegen. Hicks ist der sozial ungeschickte Möchtegern-Wikinger, der sich auf seinen Verstand verlassen muss, um seine Freunde in einem rauen Drachenkampf zu unterstützen. Der erste Akt des Films endet mit einer wichtigen Szene, in der Hicks eine unheimliche Begegnung mit einer Drachenart hat, die bis dato niemand bei Tageslicht gesehen hat. Er nutzt die Gelegenheit, um ein Bild der Kreatur zu zeichnen. Als er den symmetrischen Umriss des Drachen zeichnet, fällt ihm ein Fehler auf: Dem Tier fehlt ein Teil eines Flügels und Hicks muss diesen Teil der Zeichnung ausradieren – so fällt ihm auf, dass die Kreatur verletzt ist.
Diese Szene stellt keinen Künstler dar, der sein feines Auge benutzt, um gleich von Anfang an eine korrekte Darstellung zu zeichnen. Stattdessen zeigt es die Arbeitsweise eines Wissenschaftlers: Obwohl Hicks diese spezifische Art von Drache völlig unbekannt war, ging er aufgrund seiner bestehenden Annahmen über die Natur von einem symmetrischen Umriss aus. Entweder versteht er genug von Physik, um abzuleiten, wie eine aerodynamische Form aussehen muss oder er hat die Tendenz zur Symmetrie von biologischen Wesen im Kopf, die sich in Tieren und Blättern zeigt.
So oder so sind Hicks' weitere Taten im Film von dieser Art der wissenschaftlichern Herangehensweise geprägt. Er studiert diesen und andere Drachen intensiv und ist schockiert, als er herausfindet, dass die Drachen-Enzyklopädie der Wikinger lediglich daraus besteht, wie man sie besiegen kann. Das bedeutet, dass seine Gesellschaft die Drachen nicht als biologische Wesen versteht, die man begreifen oder vielleicht sogar domestizieren kann, und dass jeder Versuch aufgegeben wurde, sie weiter zu untersuchen. Es ist Hicks' Einsicht in die körperlichen und verhaltensbezogenen Muster der Drachen, die seinen Stamm aus der Dunkelheit der Ignoranz führt und dabei die Wissenschaft als Kerze im Dunkeln benutzt, wie es Carl Sagan in seinem Buch Der Drache in meiner Garage (Orig. The Demon-Haunted World) ausgedrückt hat.
Rapunzel, die Hauptfigur des gleichnamigen Films, hat ein einfacheres Leben als Hicks. Sie verbringt ihre Tage in absoluter Sicherheit, in einem Turm in einem abgeschiedenen Tal. Ohne die Notwendigkeit oder die Technologie, um die Natur um sie herum zu untersuchen, würden wir nicht erwarten, dass sie einfach so eine wissenschaftliche Kompetenz entwickelt. Oder?

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Hier dargestellt: Wissenschaftlicher Enthusiasmus

Genau genommen gibt es da schon etwas, das sie stört. In den einsamen Stunden, die sie im Turm verbringt und in die Nacht starrt, bemerkt sie die Regelmäßigkeiten im Verlauf der Sterne. Sie fertigt sich sogar eine Zeichnung davon an der Wand ihres Zimmers an. Allerdings zeigt sich einmal im Jahr, an ihrem Geburtstag, ein merkwürdiges Sternenmuster, das ohne Erklärung über den Himmel zieht. Über die Jahre fällt ihr auf, dass dieses Ereignis nicht zu ihren restlichen Beobachtungen passt und daher keinen Sinn ergibt. Getrieben von ihrer persönlichen Neugier macht sie es zu ihrem Ziel, alles über dieses Phänomen herauszufinden. Genau wie Hicks weiß sie, dass es in der Natur Muster gibt – und genau wie er findet sie es verdächtig, wenn ihr Unregelmäßigkeiten in diesen Mustern begegnen. Ihre Hingabe an die Prinzipien der Wissenschaft, noch mehr als eine zufällige Begegnung mit einem gutaussehenden Fremden, ist es, was die Handlung des Films antreibt.
Es ist interessant, dass beide Figuren auf sehr unterschiedlichen Wahrnehmungen von Wissenschaftlern zu beruhen scheinen. Von der Frisur bis zum Sozialverhalten erscheint alles an Hicks über-nerdig. Er scheint enger mit Professor Frink von den Simpsons verwandt zu sein als mit seinen Wikingerfreunden. Rapunzel wiederum ist ein junger und energetischer Geist. Sie repräsentiert die starken und unabhängigen Entdecker der Wissenschaftsgeschichte, die ihre Forschungsideen aus reiner Neugier heraus verfolgen.
Zudem, wie es häufig der Fall ist, sind ihre wissenschaftlichen Karrieren nur von kurzer Dauer. Als Rapunzel ihr persönliches Forschungsziel erreicht hat, verlässt sie das Feld und heiratet. Hicks hingegen überschreitet den schmalen Spalt vom Wissenschaftler zum Ingenieur. Trotzdem erhält der Zuschauer in DLG einen flüchtigen Blick auf die nächste große Entdeckung der jungen Wissenschaftsgemeinde in Berk: Wenn wir die kürzlich domestizierten Drachen Seite an Seite mit ihren menschlichen Besitzern sehen, fällt uns eine verblüffende Ähnlichkeit in ihren körperlichen Eigenschaften auf, die eine Verwandtschaft zwischen den früheren Feinden vermuten lässt.



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Bei dem Wetter kann man gut mal nen Drachen steigen lassen
 
Als Charles Darwin diese Beobachtung berichtet hat, war es ein weiterer Wendepunkt in der Wissenschaftsgeschichte. Die Evolutionstheorie, ganz ähnlich wie die Schwerkrafttheorie, lieferte die Grundlage für zahllose Entwicklungen und Erfindungen, die unsere moderne Zivilisation geprägt haben. Darwins Denkprozess begann mit der Erkenntnis, dass die Eigenschaften verschiedener Tiere genau zu den Anforderungen ihrer Umgebung passen. Können wir von Hicks dieselbe Beobachtung erwarten? Schauen wir uns doch den Satz an, den er zu Beginn und Ende des Films sagt [Übersetzung von mir]:
„Das hier ist Berk. Es schneit neun Monate im Jahr und hagelt an den anderen dreien. Das Bisschen Nahrung, das hier wächst, ist rau und ohne Geschmack. Auf die Leute, die hier wachsen, trifft das sogar noch mehr zu.“
Er bemerkt also nicht nur die vorhin erwähnte Tendenz von Lebewesen, sich an ihre Umgebung anzupassen, sondern erkennt auch, dass für Pflanzen und Tiere dieselben Regeln gelten. Es scheint, als läge der nächste wissenschaftliche Durchbruch der Wikinger gleich hinter der nächsten Ecke.
Beide Filme zeigen uns, dass man keinen akademischen Hintergrund braucht, um wissenschaftlich zu arbeiten. Stattdessen braucht man nur einen scharfen Verstand und die Motivation, ihn zu benutzen. Zudem wird die Anwendung der wissenschaftlichen Methode in beiden Filmen als Ausgangspunkt für die Handlung benutzt. Die dadurch vermittelte Nachricht ist klar, und es ist eine Nachricht, die wir als Spezies immer im Kopf behalten sollten: Wenn wir unsere natürliche Neugier vergessen und wenn wir aufhören, die Muster der Natur auf rationale Art zu enträtseln, dann werden wir für alle Zeit in einem einsamen Turm gefangen sein, gejagt von Drachen, verloren in einer Welt, die wir nicht verstehen.



1 Kommentar:

  1. Ich habe gerade deinen original Post in Overthinkingit gelesen... Ich bin immer noch sprachlos, wie du es schafft, solche Verknuepfungen herzustellen. Sehr schoen, und wirklich sehr gut belegt!

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