Vor Kurzem bin ich auf das folgende
Bild gestoßen:
[Hier fehlt ein Bild, kommt hoffentlich bald]
Zwei ungeborene Babys unterhalten sich
über das „Leben nach der Geburt“. Das eine glaubt an diese
ominöse Welt, das andere, ein „Atheist“, glaubt nicht an die
Existenz der Mama, da er sie noch nie gesehen hat.
Variationen dieses Bilds (auch mit
einem ausführlicheren Dialog) findet man in verschiedenen Ecken des
Internets. Es erscheint mir wie ein witziger Kommentar zur Debatte
Glauben gegen Wissen – denn wie können wir denn wirklich sagen,
was nach dieser Welt kommt? Es könnte ebenso ein Leben nach dem Tod
geben wie ein Leben nach der Geburt, und dass wir Gott (bzw. Mama)
nicht mit eigenen Augen sehen können, hat diesem Beispiel zufolge
keine Bedeutung für seine Existenz. Wenn man sich als
Wissenschaftler ernst nimmt, muss man auch einsehen, dass man zu
gewissen Dingen keine Aussage machen kann (dazu vielleicht später
mehr in einem eigenen Artikel).
Aber eine Sache hat mich an der Idee
der vorgeburtlichen Glaubensdebatte doch gestört: Im Gegensatz zu
uns haben die Babys sehr wohl Grund zur Annahme, dass es eine Welt
außerhalb ihrer eigenen gibt. Mit Hilfe von wissenschaftlichen
Methoden wären sie in der Lage, Hinweise auf das Leben nach der
Geburt zu sammeln. (Weiter nach dem Klick)
Versetzen wir uns doch mal kurz in ihre
Lage: Auf den ersten Blick sind sie nur zu zweit im Universum und von
allen äußeren Einflüssen abgeschnitten. Das einzige, was sie von
außen mitbekommen, sind Bewegungen und gedämpfte Geräusche. Und
die könnten sie als unerklärliche Phänomene ihrer Welt abtun, so
wie es bei uns auch welche gibt. Aber nehmen wir an, eines der Babys
ist investigativer und will mehr über die Bewegungen und Geräusche
erfahren. Als einfachste erste Möglichkeit sollte es sich
aufzeichnen (sofern es im Uterus Stift und Papier findet), wann es
welche Geräusche und Erschütterungen wahrnimmt. Auf den ersten
Blick wird es feststellen, dass es Phasen gibt, in denen sowohl
Geräusche wie auch Bewegungen nahezu vollständig aussetzen (nämlich
nachts), wohingegen beides zu anderen Zeiten zunimmt. Obwohl dieser
Ablauf Ausnahmen und Extremwerte aufweisen kann, zeigt sich ein ganz
klarer 24-Stunden-Rhytmus bei beiden Messwerten. Geräusche und
Bewegungen hängen also irgendwie miteinander zusammen und folgen
demselben Muster.
Eine solche Aufzeichnung ist nicht
trivial. Es gab im Lauf der Wissenschaftsgeschichte mehrere
Gelegenheiten, bei denen eine simple Suche nach Mustern zu völlig
neuem Wissen geführt hat. Ein eindrückliches Beispiel ist die
Cholera-Karte von 1854.
Durch das Aufzeichnen von Cholera-Fällen in London wurde hier
überzeugend aufgezeigt, dass sich die Krankheit durch das Trinkwasser
verbreitet (obwohl es noch keine Theorie darüber gab, wie das
möglich war).
Der nächste Schritt wäre,
verschiedene Arten von Bewegungen und Geräuschen zu untersuchen.
Gerade bei Geräuschen ist das interessant: Gehen wir davon aus, dass
die Töne durch die Bauchdecke bis zur Unkenntlichkeit verfälscht
werden und dass Gesprochenes so klingt, wie wir es unter Wasser
wahrnehmen würden. Dann wäre das Baby trotzdem noch in der Lage,
Sprache von Hintergrundgeräuschen zu unterscheiden und auch
verschiedene Sprecher auseinander zu halten: Die Informationstheorie
kann uns sagen, wie viel Information in einem Geräusch zu finden
sein kann.
Ein einfacher Hupton zum Beispiel hat sehr wenig Variation (wir können nur lernen wann, wie oft, wie lange,
wie laut und mit welcher Tonfrequenz er auftritt - das reicht höchstens, um codierte Meldungen zu verschicken, solange beide Seiten denselben Code benutzen). Sprache hingegen
weist eine beeindruckende Variabilität auf. Und wenn wir lange genug
hinhören (neun Monate sollten genügen), dann können wir mit
Sicherheit sagen, dass es sich beim Gehörten um Kommunikation
handelt – selbst wenn wir sie nicht verstehen können.
Unterschiedliche Stimmlagen (und die Erkenntnis, dass Mama immer
ungefähr gleich laut spricht, während alle anderen aufgrund ihrer Entfernung mal lauter und mal leiser
zu hören sind) erlauben zudem Rückschlüsse auf die Anzahl der
Sprecher.
Kurz
zusammengefasst: Die Babys können
mit Sicherheit sagen, dass es außerhalb ihres unmittelbaren
Wahrnehmungsbereichs eine weitere Welt gibt, die klaren Mustern folgt
und von kommunizierenden Wesen bevölkert ist. Das ist weit mehr, als
wir jemals über das Leben nach dem Tod erfahren oder nachgewiesen
haben. Und dabei haben sie ausschließlich auf Bewegungen und
Geräusche geachtet – es stehen genauere Untersuchungen zu
Variationen in Licht, Temperatur, Berührungen und Nährstoffaufnahme aus,
sowie die Frage,
warum sie einen Körper besitzen, der für ihre Umgebung ungeeignet
ist und was wohl passiert, wenn die ständige Wachserei dazu führt,
dass sie nicht mehr in ihre Welt passen. Mit so vielen Messwerten und
Ideen im Gepäck würde ein wissenschaftlich orientiertes Baby über
diese unsichtbare äußere Welt ähnlich informiert spekulieren wie
wir über die Atmosphäre von fremden Planeten. Und damit will ich
ausdrücken: wir wissen beeindruckend viel darüber, obwohl sie sehr weit
weg sind. Die Frage, ob es ein
Leben nach der Geburt gibt oder nicht, sollte sich schnell klären
lassen.
Und das führt mich zu dem Punkt, den
ich eigentlich in die Debatte Glauben vs. Wissen einbringen wollte.
Es wird häufig so dargestellt, als ob die Wissenschaft darauf
abzielt, Leuten den Glauben an eine andere Welt oder das Leben nach
dem Tod kaputt zu machen. Tatsächlich geht es aber nur darum, aus
den Daten, die man zur Verfügung hat, möglichst plausible Theorien
über die Welt aufzustellen. So lange man sich daran hält, arbeitet
man wissenschaftlich – egal, ob man bereits geboren wurde oder
nicht.
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