Freitag, 26. Juli 2013

Wissen gegen Glauben: Special Embryo Edition


Vor Kurzem bin ich auf das folgende Bild gestoßen:



[Hier fehlt ein Bild, kommt hoffentlich bald]

Zwei ungeborene Babys unterhalten sich über das „Leben nach der Geburt“. Das eine glaubt an diese ominöse Welt, das andere, ein „Atheist“, glaubt nicht an die Existenz der Mama, da er sie noch nie gesehen hat.
Variationen dieses Bilds (auch mit einem ausführlicheren Dialog) findet man in verschiedenen Ecken des Internets. Es erscheint mir wie ein witziger Kommentar zur Debatte Glauben gegen Wissen – denn wie können wir denn wirklich sagen, was nach dieser Welt kommt? Es könnte ebenso ein Leben nach dem Tod geben wie ein Leben nach der Geburt, und dass wir Gott (bzw. Mama) nicht mit eigenen Augen sehen können, hat diesem Beispiel zufolge keine Bedeutung für seine Existenz. Wenn man sich als Wissenschaftler ernst nimmt, muss man auch einsehen, dass man zu gewissen Dingen keine Aussage machen kann (dazu vielleicht später mehr in einem eigenen Artikel).
Aber eine Sache hat mich an der Idee der vorgeburtlichen Glaubensdebatte doch gestört: Im Gegensatz zu uns haben die Babys sehr wohl Grund zur Annahme, dass es eine Welt außerhalb ihrer eigenen gibt. Mit Hilfe von wissenschaftlichen Methoden wären sie in der Lage, Hinweise auf das Leben nach der Geburt zu sammeln. (Weiter nach dem Klick)



Versetzen wir uns doch mal kurz in ihre Lage: Auf den ersten Blick sind sie nur zu zweit im Universum und von allen äußeren Einflüssen abgeschnitten. Das einzige, was sie von außen mitbekommen, sind Bewegungen und gedämpfte Geräusche. Und die könnten sie als unerklärliche Phänomene ihrer Welt abtun, so wie es bei uns auch welche gibt. Aber nehmen wir an, eines der Babys ist investigativer und will mehr über die Bewegungen und Geräusche erfahren. Als einfachste erste Möglichkeit sollte es sich aufzeichnen (sofern es im Uterus Stift und Papier findet), wann es welche Geräusche und Erschütterungen wahrnimmt. Auf den ersten Blick wird es feststellen, dass es Phasen gibt, in denen sowohl Geräusche wie auch Bewegungen nahezu vollständig aussetzen (nämlich nachts), wohingegen beides zu anderen Zeiten zunimmt. Obwohl dieser Ablauf Ausnahmen und Extremwerte aufweisen kann, zeigt sich ein ganz klarer 24-Stunden-Rhytmus bei beiden Messwerten. Geräusche und Bewegungen hängen also irgendwie miteinander zusammen und folgen demselben Muster.
Eine solche Aufzeichnung ist nicht trivial. Es gab im Lauf der Wissenschaftsgeschichte mehrere Gelegenheiten, bei denen eine simple Suche nach Mustern zu völlig neuem Wissen geführt hat. Ein eindrückliches Beispiel ist die Cholera-Karte von 1854. Durch das Aufzeichnen von Cholera-Fällen in London wurde hier überzeugend aufgezeigt, dass sich die Krankheit durch das Trinkwasser verbreitet (obwohl es noch keine Theorie darüber gab, wie das möglich war).
Der nächste Schritt wäre, verschiedene Arten von Bewegungen und Geräuschen zu untersuchen. Gerade bei Geräuschen ist das interessant: Gehen wir davon aus, dass die Töne durch die Bauchdecke bis zur Unkenntlichkeit verfälscht werden und dass Gesprochenes so klingt, wie wir es unter Wasser wahrnehmen würden. Dann wäre das Baby trotzdem noch in der Lage, Sprache von Hintergrundgeräuschen zu unterscheiden und auch verschiedene Sprecher auseinander zu halten: Die Informationstheorie kann uns sagen, wie viel Information in einem Geräusch zu finden sein kann. Ein einfacher Hupton zum Beispiel hat sehr wenig Variation (wir können nur lernen wann, wie oft, wie lange, wie laut und mit welcher Tonfrequenz er auftritt - das reicht höchstens, um codierte Meldungen zu verschicken, solange beide Seiten denselben Code benutzen). Sprache hingegen weist eine beeindruckende Variabilität auf. Und wenn wir lange genug hinhören (neun Monate sollten genügen), dann können wir mit Sicherheit sagen, dass es sich beim Gehörten um Kommunikation handelt – selbst wenn wir sie nicht verstehen können. Unterschiedliche Stimmlagen (und die Erkenntnis, dass Mama immer ungefähr gleich laut spricht, während alle anderen aufgrund ihrer Entfernung mal lauter und mal leiser zu hören sind) erlauben zudem Rückschlüsse auf die Anzahl der Sprecher.
Kurz zusammengefasst: Die Babys können mit Sicherheit sagen, dass es außerhalb ihres unmittelbaren Wahrnehmungsbereichs eine weitere Welt gibt, die klaren Mustern folgt und von kommunizierenden Wesen bevölkert ist. Das ist weit mehr, als wir jemals über das Leben nach dem Tod erfahren oder nachgewiesen haben. Und dabei haben sie ausschließlich auf Bewegungen und Geräusche geachtet – es stehen genauere Untersuchungen zu Variationen in Licht, Temperatur, Berührungen und Nährstoffaufnahme aus, sowie die Frage, warum sie einen Körper besitzen, der für ihre Umgebung ungeeignet ist und was wohl passiert, wenn die ständige Wachserei dazu führt, dass sie nicht mehr in ihre Welt passen. Mit so vielen Messwerten und Ideen im Gepäck würde ein wissenschaftlich orientiertes Baby über diese unsichtbare äußere Welt ähnlich informiert spekulieren wie wir über die Atmosphäre von fremden Planeten. Und damit will ich ausdrücken: wir wissen beeindruckend viel darüber, obwohl sie sehr weit weg sind. Die Frage, ob es ein Leben nach der Geburt gibt oder nicht, sollte sich schnell klären lassen.
Und das führt mich zu dem Punkt, den ich eigentlich in die Debatte Glauben vs. Wissen einbringen wollte. Es wird häufig so dargestellt, als ob die Wissenschaft darauf abzielt, Leuten den Glauben an eine andere Welt oder das Leben nach dem Tod kaputt zu machen. Tatsächlich geht es aber nur darum, aus den Daten, die man zur Verfügung hat, möglichst plausible Theorien über die Welt aufzustellen. So lange man sich daran hält, arbeitet man wissenschaftlich – egal, ob man bereits geboren wurde oder nicht.

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