Bei dem "Opfer" des Ganzen handelt es sich wie so oft um das Bakterium E. coli. Dieser kleine Hansdampf ist schon länger ein Spielball der Biologie und stellt heutzutage zum Beispiel auch einen Großteil des Insulins her, auf das Millionen von Diabetikern tagtäglich angewiesen sind.
"Escherichia coli. Meine Freunde nennen mich 'E.'" [Quelle: Wikipedia]
Es gibt interessante Studien dazu, was ein Lebewesen psychologisch ausmacht. Jeder weiß, was ein Waschbär ist. Aber was ist, wenn ich den Waschbär als Stinktier verkleide? Wenn ich sein Fell anmale, sein Gesicht chirurgisch verändere und ihm Stinkdrüsen einsetze? Ist er immer noch ein Waschbär?
Die meisten Menschen würden das bejahen: Auch ein Waschbär, der genau aussieht (und riecht) wie ein Stinktier, ist irgendwie immer noch ein Waschbär. Die meisten Befragten ziehen die Grenze dort, wo die DNA verändert wird: Was die Goldatome für das Gold sind, das ist die menschliche DNA für den Menschen. Verändert man sie, indem man im Labor erzeugte Gene einfügt, dann verändert man (aus psychologischer Sicht) das, was den Menschen ausmacht - und genau das ist es, was wir Dr. Frankenstein schon seit dem 19. Jahrhundert vorwerfen: So was macht man nicht, das überlässt man düsteren Science-Fiction-Visionen*.
Aber jetzt kommt der Knackpunkt: Wer sagt denn, dass unsere DNA tatsächlich so sehr zu unserem Ich gehört, wie wir uns das vorstellen? Eine der größten Überraschungen nach der Entschlüsselung des menschlichen Erbguts war, dass wir nur aus etwa 23.000 Genen bestehen - bis dahin hat man aufgrund der Länge eines typischen DNA-Strangs mit etwa 100.000 Genen gerechnet. Aber wenn der Rest nicht unsere Gene sind, was tragen wir dann in unserer DNA mit uns herum? Was wird dann bei jeder Zellteilung emsig abgeschrieben und bei jeder Zeugung zusammengewürfelt?
Die Antwort ist etwas ernüchternd: Nur etwa 5% unserer DNA beinhalten das, was wir als Erbgut bezeichnen würden. Über die Funktion des Rests wird noch etwas diskutiert - fest steht aber, dass sich darin ein Müllhaufen aus kaputten Genen wiederfindet, die irgendwann kopiert oder versetzt wurden, und/oder durch zufällige Mutationen beschädigt oder zerstört worden sind.
Charles Darwin wirkt etwas enttäuscht darüber, dass er 95% nicht-kodierende DNA besitzt. [Quelle: Flickr; Fotograf: nelson]
Lasst euch das bitte kurz auf der Zunge zergehen: 5% des Genoms erzeugen alles, was euch ausmacht: Augenfarbe, Körperbau, Humor, Kreativität, Penisgröße. Weitere 8% sind Viren, die sich im Lauf der Generationen angesammelt haben und dann - ein paar Tausend von Mama, ein paar Tausend von Papa - an euch weitergegeben wurden. Lässt sich da noch der Gedanke rechtfertigen, dass die DNA das ist, was uns ausmacht?
Jetzt könnte mach sich fragen: Ist das nicht vollkommen egal? Gleichgültig, woher meine DNA stammt und welcher Anteil davon tatsächlich aktiv ist, hat es dieses Erbgut geschafft, meinen Körper und mein Gehirn zusammenzubauen - und die gehören nun mal zu mir. Egal, wie die DNA genau aussieht, sie steckt in jedem meiner Zellkerne und macht mich nun mal zu dem, was ich bin.
Ihr könnt euch denken, was jetzt kommt: so einfach ist das leider nicht. Wir wissen alle, dass unser Körper nicht nur ganz uns alleine gehört: Wir haben Bakterien im Mund und im Darm, die dauerhaft bei uns wohnen, aber nicht unsere DNA teilen. Aber ich wette, das Ausmaß dieser Fremdmieter war euch bislang nicht klar: Das sogenannte Mikrobiom, also das Konglomerat aus Mikroben, die uns ständig begleiten, besteht aus so zahlreichen und so kleinen Wesen, dass sie etwa zehnmal so viele Zellen ausmachen wie es Zellen in unserem Körper gibt. Noch mal: Nur etwa ein Zehntel deines Körpers besitzt deine DNA. Zumindest rein zahlenmäßig. Nach Volumen sieht es da schon besser aus: Rechnet man das ganze Mikrobiom zusammen, ergibt sich eine Masse von etwa 200 bis 1400 Gramm (so genau weiß man das noch nicht). Und sie helfen uns nicht nur beim Verdauen, wie man sich das so denkt - vielmehr sind sie unsere Verdauung. Sie sitzen zudem in unserer Nase und bekämpfen Krankheitserreger, sie steuern unser Immunsystem, und wahrscheinlich würden wir ohne sie überhaupt nicht richtig heranwachsen. Schaut man in die Lunge eines normalen, gesunden Menschen (das ist eine Idee, auf die die Forschung überhaupt erst kürzlich gekommen ist), dann findet man dort Hunderte verschiedene Spezies von Bakterien, und 2000 Mikroben pro Quadratzentimeter. Das sind mehr als nur ein paar lästige Parasiten - diese Mikroben gehören zu uns, genauso wie unsere Haare und Fingernägel und Blutkörperchen.
Jupp, all diese kleinen Racker [Quelle: Flickr; Fotograf: Renée Suen]
Wenn es nur nicht so gruselig und verstörend wäre.
*Wie zum Beispiel bei dem dystopischen Roman Oryx und Crake von Margaret Atwood, bei dem es in der Zukunft Mischwesen aus Waschbären und Stinktieren gibt - Zufall?

Ha! Ich mag den Blog eintrag. Find auch vor allem die Animationen schoen. Perfekte Mischung aus Science, Fakten und Humor :)
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